„… Liebchen zu minniglicher Lust hab ich nicht Zeit …“ - Aus niederrheinischen Niederwildrevieren

Während seines Studiums stieß Uwe Weigand auf Hadamars von Laaber „Die Jagd“. Die Liebesdichtung, die der oberpfälzische Adlige wohl im zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts verfasst hat, ist eine feinfühlige und meditative Dichtung, die einen Liebenden im Bild der Jagd die Unendlichkeit der Liebe entdecken lässt. Die Schrift ist wohl die berühmteste Minneallegorie der deutschen Literaturgeschichte. Dies war Weigands erste Begegnung mit der Jagd. Und wie das Leben so spielt: Im Laufe der Jahre fanden sich immer mehr passionierte Jäger im Bekannten- und Freundeskreis des Naturliebhabers; Grund genug selbst die Jägerprüfung abzulegen. Heute ist der Gymnasiallehrer und Gestaltpädagoge ein passionierter Jäger. Unlängst hat er sich selbständig gemacht und „Hunting High, das Institut für Jagdausbildung und Jagddidaktik“ in Moers am Niederrhein gegründet.

Im Morgengrauen gehen wir gemeinsam durch die niederrheinische Flur um Moers. Die Sonnenstrahlen blitzen schon über den blauen Himmel. Weigand weiß viel über die Niederwildhege zu erzählen. „Der Niederrhein mit einer Landschaftsstruktur von 30% Wald- und 70% Feldanteil ist Grundlage für eine klassische Niederwildbewirtschaftung mit Rehwild als einzigem Schalenwild. Bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts war die Niederwildjagd Bauernsache.

Seitdem wurden immer mehr Industrielle auf das niederwildreiche Gebiet aufmerksam und pachteten sogenannte Firmenjagden an. Heute wird diese Tradition meist durch private Hand fortgeführt und weiterentwickelt.“ Als in den 70ern des letzten Jahrhunderts die Flurbereinigung kam, wurden die kleinen Felder größer, die typischen niederrheinischen Hecken – einst Lebensstätte vieler Tiere – verschwanden. Monokulturen wurden angelegt. Spritzmittel wurden verstärkt eingesetzt, die Greifvögel nahmen zu. Die Feldhühner wie der Fasan sind aus den Revieren verschwunden. Stolze Infanteristen kann man nur noch selten über die Felder laufen sehen, bejagt werden diese Hühner schon lange nicht mehr.

Nicht ganz so schlimm ist die Entwicklung bei Meister Lampe. Aber allzu viele Faktoren haben dazu geführt, dass wir heute weniger Wild haben. Der Straßenverkehr hat zugenommen und fordert täglich Opfer unter Hasen und Rehen; Rehkitzen, Bodenbrütern wie Rebhuhn, Fasan und Singvögeln lassen immer noch – wenn auch immer weniger - Mähmaschinen keine Chance. Manche Beutegreifer wie Fuchs, Mader, Iltis und Rabenkrähen dürfen nur noch eingeschränkt bejagt werden, aber als Nahrungsgeneralisten haben sie ein breites Beutespektrum und sind in Konkurrenz zum Nutzwild getreten.

Die niederrheinischen Jäger versuchen die verhängnisvolle Entwicklung für das heimische Wild abzufangen und mit gezielten Hegemaßnahmen den jetzigen Zustand wenigstens zu erhalten. „Eine der Hauptaufgaben sehen wir darin, die Biotope zu gestalten und pflegen“, so Weigand. „Pflanzen und Tiere können nur gut gedeihen, wenn sie optimale Bedingungen in ihrem Lebensraum vorfinden.“ Die niederrheinischen Waldflächen finden sich stark verbuschte Niederwaldstrukturen, die der Fasan meidet. So gilt es die Waldflächen und Feldholzinseln niederwildgerecht aufzubauen.
„Dies kann durch einen Entrümpelungshieb, aber auch durch die Anlage von Benjeshecken geschehen. Dies sind Hecken, die bei linienhafte Aufstapelung von Ästen und Zweigen durch Samenanflug oder Initialpflanzungen entstehen. Wer aber Biotope vernetzen will, darf die Feuchtbiotope nicht vergessen. Sie bieten selten gewordenen Wasservögeln, Amphibien und vielen Libellenarten ein wichtiges Brut- und Leichgebiet und werden von den Vögeln und Säugern als Tränke benutzt. Die natürliche Brutvegetation zu erhalten ist besser als Bruthilfen wie Entenhäuser bereitzustellen. Ist keine ausreichende Brutdeckung im Uferbereich vorhanden, weicht die Stockente auch auf halbhohe Kopfweiden aus. „Daher soll auch der Name Stockente stammen“, erklärt Weigand.

Großraubwild, wie Bär, Luchs und Wolf gibt es bei uns am Niederrhein nicht mehr, wobei man Isegrimm noch bis 1831 in der Leucht antreffen konnte. Dieses Wild hat man bejagt, weil es in direkter Nahrungskonkurrenz zum Menschen stand, zum Eigenschutz der Menschen, da sie indirekter Teil der Nahrungskette waren, und weil die Bejagung als Statussymbol für Tapferkeit und Mut angesehen wurde. Heute hat Raubwildbejagung ganz andere Gründe. „Heute ist Jagd nicht mehr nur Nahrungserwerb, vielmehr dient sie der Anpassung von Wildtierbeständen an den verbleibenden Lebensraum und der Verpflichtung zur Artenvielfalt, was die Raubwildarten aber mit einschließt“, erläutert Weigand. Gerade Tiere, die in einer geringen ökologischen Nischenbreite leben, haben eine immer schlechter werdende Überlebenschance.

Für die Niederwildhege hat die Krähenbejagung eine Schlüsselfunktion. Krähen sind sehr anpassungsfähige Tiere und haben viel zu lange unter gesetzlichem Vollschutz gestanden. So haben sie sich reichlich vermehrt. Der Jagdschulinhaber erklärt: „Die Rabenkrähe gehört zu den Aaskrähen, ist Kulturfolger und Nahrungsgeneralist. Da sie sehr anpassungsfähig ist, ist sie in der Lage immer wieder neue Feindvermeidungsstrategien zu entwickeln. Die Bejagung erfordert daher sehr viel Können und Geschick. Der erste und zweite Satz Junghasen fällt fast immer ganz der Rabenkrähe zum Opfer, denn sie jagen mit ihren gut entwickelten Augen und registrieren jede Bewegung am Boden, hacken den Junghasen die Augen aus, so dass diese leichte Beute werden.“

Ab März/April verändert sich das Nahrungsspektrum bei den Krähen. Dann trennen sich nämlich die Brutpaare von den Krähenschwärmen. Die Rabenkrähe verpaart sich frühestens mit dem zweiten Lebensjahr und führt dann eine lebenslange Ehe. Diese Krähen schränken ihre Nahrungssuche auf ihr Brutgebiet ein. Daneben entstehen sogenannte Junggesellenschwärme. Diese Nichtbrütertrupps bestehen fast ausschließlich aus Krähen vom Vorjahr, pendeln nun zwischen den einzelnen Brutpaarterritorien und verursachen die eigentlichen Schäden, indem sie Keimlinge aus den Maisfeldern herausziehen.

„Die Krähenjagd eine der Interessantesten Jagdarten für mich. Man arbeitet mit Lockbildern und akustischen Reizen und fast ausschließlich mit der Flinte. 15 bis 20 Kunststoffkrähen werden in der Morgendämmerung mit dem Schnabel in Windrichtung auf einem Feld aufgestellt. Sie sollen einen Futterplatz simulieren und die Krähen in Sicherheit wiegen.“ Der gut getarnte Krähenjäger befindet sich ca. 15 Meter entfernt hinter einem Gestrüpp simulierenden Schirm und ahmt mit dem Krähenlocker das Raaa-Ra Ra-Raaa, den Futterruf der Krähe nach. Einzeln kommende Krähen sind in der Regel Aufklärerkrähen, die die Sachlage klären wollen. Auf diese wird nicht geschossen. Die anderen Aaskrähen fallen dann gegen den Wind ein, genau jetzt kann der Jäger die Übeltäter mit einem gezielten Schrotschuss erlegen. Geschossene Krähen werden nach Möglichkeit sofort vom Jagdhund gebracht, um die Wirkung des Lockbildes nicht zu beeinträchtigen.

Auch wenn der äußere Augenschein vermuten lässt, dass Wildkaninchen und Hasen viel gemeinsam haben, da beide zu den hasenartigen Tieren gehören, so will das nicht ganz stimmen. Kaninchen sind nur halb so schwer wie Hasen und leben in Bauen statt in Sassen (Erdmulden). Zudem sind Kaninchen deutlich vermehrungsfreudiger als Hasen, denn sie bringen jedes Jahr bis zu fünfmal Junge zur Welt. Die Kleinen sind nackt, blind und Nesthocker. Dagegen sind die Jungen der Hasen behaart, sehend und Nestflüchter.

1999 bis 2005 hat eine Viruserkrankung fast die gesamte Kaninchenpopulation am Niederrhein dahingerafft. Die Wildkaninchen haben sich aber inzwischen wieder so vermehrt, dass sie fast schon zur Plage geworden sind. Am Niederrhein haben Kaninchen eine besondere Bedeutung. Sie sind Beutetiere für Fuchs, Steinmarder, Iltis und Hermelin. Das verringert indirekt den Beutegreiferdruck auf die Bodenbrüter.

„Bisweilen können wir auch Rehe auf den Wiesen sehen“, weiß Weigand zu berichten. Das Ziel der Jäger ist der Aufbau und die Erhaltung eines gesunden, der Natur angepassten Rehwildbestandes. „Darum ist es wichtig, dass wir Rehe so bejagen, dass die Jagd einer natürlichen Auslese nahe kommt.“ Die Anlage von Wildäckern und eine Äsungsverbesserung bringt schnell eine Anhebung der Wildbretgewichte. Die Einrichtung von Wildruhezonen verringert den Stress und verbessert erkennbar den Allgemeinzustand.

„Wie bestimmte Jagdmethoden in die Jahre gekommen sind, so haben sich die Methoden des Lehrens und Lernens verändert“, erklärt Weigand, der Teamleiter von Hunting High. Im Institut werden von fünf Ausbildern nicht nur Männer und Frauen in kleinen Block- und Wochenendkursen zu Jungjägern ausgebildet. Unterricht wird auch privatissime nach Terminabsprache erteilt. Zu lernen gibt es viel: Wildtier- und Waffenkunde, Waffenhandhabung und Wildbrethygiene, Wildtierkrankheiten, Rechtliches, Botanik, Land- und Frostwirtschaft, Hundewesen uvm. „Nach einem Kurs sieht man die Welt ganz anders, man schaut genauer hin, weil man die Pflanzen und Tiere eben kennt.“

„Kürzlich habe ich in einer Fachzeitschrift ‚Jagddidaktik‘ als ein Desiderat im Kanon der Jagdwissenschaften formuliert. Mir geht es darum, den Jagdausbildern, die nicht aus dem Lehrfach kommen, die Grundlagen von Lehren und Lernen zu vermitteln.“ Weigand weiß aus eigener Erfahrung, dass viele Ausbilder der Kreisjägerschaften und Jagdschulen Jäger mit viel Erfahrung sind, aber nicht um das know how einer guten Vermittlung wissen.

Jagddidaktik hat für Weigand aber auch noch eine andere Bedeutung.
Wie sollen Kinder das schätzen und lieben, was sie nicht kennen? Darum lädt Hunting High immer wieder vor allem Väter mit ihren Söhnen ein, am Wochenende Wildnis zu erleben, am Morgen- oder Abendansitz teilzunehmen oder im Revier zu helfen und Kirrungen und Hochsitze zu bauen. „Das macht irre Spaß“, sagt Simon (13 Jahre), der uns begleitet hat. „Morgens wurden wir mit dem Jagdsignal Hohes Wecken geweckt. Simon rezitiert: „Wachet auf ihr Gesellen schon grüßt uns der Morgensonne Pracht. Hunde laut bellen, vorbei ist die Nacht. Liebchen zu minniglicher Lust hab ich nicht Zeit, Hifthorn mit silberhellem Klang ruft zum Geleit. Jäger haben mehr zu tun als nur zu jagen und es ist super, mal mit Vati allein und nur unter Männern was draußen in der Natur zu machen!“ Plötzlich sehen wir einen Fuchs im Unterholz. Den Merksatz ‚Der Fuchs der ranzt im Januar und Februar, der Waidmann ranzt das ganze Jahr‘ hat Simon sich gemerkt und grinst über das ganze Gesicht.

Foto: Arkadius Neumann/pixelio.de

Hier finden Sie weitere Berichte, die wir bereits über Hunting High veröffentlicht haben

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