Eine faire Chance für Verfolgte: Wie die Caritas den Flüchtlingen in der Via Stenden zur Seite steht

Anne Radke (li.) und Tatjana Schremmer (Mi.) beraten Flüchtlinge in der Unterkunft „Via Stenden“.Kerken-Stenden. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieser erste Satz der deutschen Verfassung steht im Büro von Anne Radke in der Flüchtlingsunterkunft „Via Stenden“ und muss dort geradezu wie eine Verheißung wirken auf die Menschen, die auf der Flucht vor Krieg, Unterdrückung oder Perspektivlosigkeit manchmal nicht viel mehr retten konnten als ihr eigenes Leben. Im Auftrag der Caritas berät Anne Radke die Flüchtlinge zum Asylverfahren. „Die Menschen sollen ihre Rechte und Pflichten im Asylverfahren kennen lernen. Hierbei muss zunächst auch abgeklärt werden, ob das Asylverfahren überhaupt in Deutschland stattfinden kann oder ein anderes EU-Land zuständig ist“, erklärt die 27-Jährige.

Gut 300 Flüchtlinge hat die Bezirksregierung Arnsberg derzeit in dem ehemaligen Tagungshotel zwischen Kerken und Kempen untergebracht. Es sind können aber auch deutlich mehr oder weniger sein. Die Belegungszahlen schwanken erheblich. Hauptsächlich aus Syrien und dem Irak, aber auch vom Balkan kommen die Menschen. Für einige ist dies die erste Station in Deutschland, manche werden schon seit Monaten von einer Einrichtung zur nächsten hin- und hergeschoben. Aber alle tun mehr oder weniger dasselbe: warten. Warten, auf ihre Registrierung, auf ihre Anhörung beim Bundesamt oder auf ihre Zuweisung in eine andere Stadt.

Wie wichtig dabei die kompetente Begleitung der Flüchtlinge ist, zeigt dieses Beispiel: Eine Frau, die im Kosovo vergewaltigt von Albanern verfolgt worden war, traute sich nicht, in der Anhörung beim Bundesamt davon zu berichten.
„Die Menschen sind großen psychischen Belastungen ausgesetzt und brauchen Zeit, um über ihre Erfahrungen in den Herkunftsländern sprechen zu können“, sagt Anne Radke. „Deshalb ist es wichtig, sich als Vermittlerin einzuschalten, um Missverständnisse zu vermeiden, die zu einer Ablehnung im Asylverfahren führen können“, so Radke. Im konkreten Fall stellte Anne Radke für die Frau einen Kontakt zum Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge in Düsseldorf her.

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Tatjana Schremmer (29), die ebenfalls im Auftrag der Caritas in der Via Stenden für das Beschwerdemanagement zuständig ist, hilft sie den Flüchtlingen aber nicht nur bei der Vorbereitung auf das Asylverfahren. „Angesichts der hohen Durchlaufzahlen von Asylsuchenden funktionieren die Abläufe nicht immer reibungslos“, sagt Tatjana Schremmer. Da ist es wichtig, den Flüchtlingen zur Seite zu stehen und die Dinge vor Ort im gemeinsamen Austausch mit den zuständigen Ansprechpartnern zu klären.
Darüber hinaus bemühen sich die beiden auch um die Zusammenführung von Familienmitgliedern, seien es Eheleute oder Geschwister. Wenn die Flüchtlinge beispielweise unterschiedliche Familiennamen tragen und keine vollständigen Papiere mehr besitzen, werden Familien gelegentlich über das ganze Bundesgebiet verstreut. Für die Menschen, die sich in der Fremde ohnehin kaum zurecht finden können, eine geradezu dramatische Situation. Aber auch wenn die Flüchtlinge die Via Stenden wieder verlassen, lassen Anne Radke und Tatjana Schremmer die Menschen nicht allein – zumindest in schwierigen Fällen. „Wenn wir sehen, dass die Menschen weiter Hilfe benötigen, und feststeht, in welche Stadt sie zugewiesen werden, dann nehmen wir schon im Vorfeld Kontakt zu den entsprechenden Migrationsberatungsstellen auf und vermitteln die Menschen dorthin“, sagt Anne Radke.

Und bei allem hängt die „Würde des Menschen“ nicht nur an der Bürowand, sondern ist auch wichtige Grundlage der Arbeit der beiden Beraterinnen. Neben dem fachlichen Rat ist die individuelle Wertschätzung als Mensch von wesentlicher Bedeutung, die die Flüchtlinge in der Beratung erfahren dürfen. Denn damit fange die viel zitierte Willkommenskultur bereits an.