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Traum erfüllt: Ein selbstbestimmtes Leben

Jasim Butt freut sich auf ihren neuen LebensabschnittWesel. Jasmin Butt hatte immer nur einen Wunsch: „Ich wollte ein ganz normales Leben führen.“ Ein normales Leben bedeutete, auf eigenen Füßen zu stehen und keine Unterstützung zu brauchen. Vom LVR-Verbund Heilpädagogischer Hilfen (HPH). Dessen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter standen der heute 24-Jährigen viele Jahre zur Seite, halfen ihr bei der Bewältigung des Alltags, zum Beispiel in Sachen Haushalt, bei Behördengängen und Finanzen und waren da, wenn das Leben nicht so rund lief und Jasmin seelische Unterstützung brauchte. Das ist jetzt Geschichte. Aber nicht irgendeine Geschichte, sondern eine wirkliche Erfolgsstory, die es nur selten gibt. Dank der Begleitung durch den LVR-Verbund HPH lebt die junge Frau aus Wesel das Leben, das sie immer leben wollte. In einer eigenen Wohnung, mit einem regulären Job und der Verantwortung für sich selbst.

Jasmin Butt hat einen langen und nicht immer einfachen Weg hinter sich. Zuhause gab’s oft Stress. „Als Kleinkind habe ich nie still sitzen können, hat mir meine Mutter erzählt.“ Diese ließ das Kind untersuchen, der Gutachter kam zu dem Schluss: Jasmin hat eine leichte geistige Behinderung. Damit war der Weg vorgezeichnet: Förderschule am Ring in Wesel, anschließend die Werkstatt der Lebenshilfe am Schornacker. Für Jasmin nur eine Zwischenlösung. „Ich habe allen in der Werkstatt gleich gesagt, das ist nicht für immer. Ich will versuchen, in den ersten Arbeitsmarkt zu kommen.“

Zunächst standen zwei Jahre Berufsbildungsbereich in der Werkstatt an. In dieser Zeit testen junge Menschen mit Behinderung, wo ihre Stärken und ihre Interessen liegen. Unterstützt von so genannten Bildungsbegleiterinnen und Bildungsbegleitern werden sie wie bei einer Ausbildung auf ihr künftiges Arbeitsleben vorbereitet. Das erste Jahr sei hart gewesen, blickt Jasmin Butt zurück. Ihr habe die Motivation gefehlt. „Doch dann hat mein Bildungsbegleiter ein ernstes Wort mit mir gesprochen, mir quasi einen Tritt in den Hintern gegeben.“ Den habe sie auch gebraucht, „schließlich wollte ich etwas erreichen“. Ab diesem Zeitpunkt lief’s fast wie geschmiert. Im zweiten Jahr arbeitete Jasmin im Garten- und Landschaftsbau, „das sollte aber nicht für immer sein“.

Sie war unschlüssig. Was sollte sie mit ihrem Leben anfangen? An einen Pflegeberuf hätte sie im Traum nicht gedacht. Doch genau das war es, was der zuständige Lebenshilfe-Mitarbeiter vorschlug. „Versuch’ es mit einem Praktikum in einer Altenpflegeeinrichtung.“ Der Mann habe gemeint, das sei etwas für sie, „weil ich gut mit Menschen umgehen könnte und in der Werkstatt Schwächeren immer sofort meine Hilfe angeboten habe“. Der Mann hatte recht. Und dafür, sagt sie, sei sie der Lebenshilfe wirklich dankbar. Denn Jasmin Butt hat ihre Berufung gefunden. Die Arbeit mit Menschen, die Möglichkeit, auf jeden Einzelnen einzugehen, sie zu unterstützen, das sei ihr Ding.
 Aus dem Praktikum im St. Josef Haus in Hamminkeln-Dingden wurde eine Vollzeitstelle. Ein so genannter betriebsintegrierter Arbeitsplatz, kurz BiAP. Eine Möglichkeit für Menschen mit Behinderung sich auf dem ersten Arbeitsmarkt auszuprobieren. Die Werkstatt zahlt weiter den Lohn, der Arbeitsplatz ist in einem anderen Betrieb. „Das war für mich ein Stück Sicherheit. So konnte ich nicht arbeitslos werden, und wenn’s mal nicht so toll gelaufen wäre, hätte ich zurück in die Werkstatt gekonnt.“ Es gab aber keine Probleme, Kolleginnen, Kollegen und Wohnbereichsleitung waren angetan von der jungen Frau aus Wesel.

Margret Bödeker-Hußmann und Beate Krema, Mitarbeiterinnen des LVR-Verbund HPH, haben Jasmin Butt viele Jahre durch die Höhen und Tiefen ihres Lebens begleitet. Denn gleich mit 18 zog sie zuhause aus, zunächst in den LVR-Wohnverbund an der Reitzensteinstraße in Wesel, als Vorbereitung aufs Ambulant Betreute Wohnen. Dann bekam sie einen Platz im Ambulant Betreuten Wohnen an der Viktoriastraße und später eine eigene Wohnung in der Stadt. Mit Unterstützung der LVR-HPH-Mitarbeiterinnen wurde sie immer selbstständiger. „Als ich bei meinen Eltern ausgezogen bin, hatte ich null Ahnung vom Haushalt. Schon das Wäschewaschen war ein Riesenproblem.“

Das ist sieben Jahre her und kein Thema mehr. Auch das Kochen geht ihr heute leicht von der Hand, ihre Käse-Lauch-Suppe ist berühmt. Und überhaupt, der Alltag, den meistert sie alleine. Margret Bödeker-Hußmann ist voll des Lobes für die junge Frau, für den Weg, den sie zurückgelegt und wie sie sich entwickelt hat. Jetzt steht der Abschied an. Denn Jasmin Butt hat den Betreuungsvertrag mit dem LVR-Verbund HPH gekündigt. Sie will endgültig auf eigenen Füßen stehen. Eine gemeinsame Wohnung hat sie mit ihrem Freund in Duisburg bereits bezogen. Der neue Arbeitsplatz - natürlich in einem Seniorenheim - ist nur wenige Minuten entfernt. Ein ganz regulärer Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt, ohne Netz und doppelten Boden. Und Jasmin hat bereits das nächste Ziel vor Augen: „Endlich den Führerschein machen.“

Foto: LVR-Verbund HPH